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Mit Goodwill und gesundem Menschenverstand

Während der Corona-Pandemie konzentrierte sich der Einsatz der Zivilschutzangehörigen auf vielfältige Aushilfsdienste. Aktuell ist viel organisatorisches Geschick gefragt. Ein Besuch in der grössten Erstankunftsstelle der Stadt Zürich für Geflüchtete aus der Ukraine.

09.05.2022 | Kommunikation BABS

Angehörige der Zivilschutzorganisation Zürich (ZSO ZUER) betreuen den Empfang in der Erstankunftsstelle für Geflüchtete aus der Ukraine (© Paul Knüsel)

Ping-Pong wird noch gespielt, in der Zürcher Saalsporthalle. Alle anderen Sportarten müssen aber pausieren, weil die Stadt hier eine grosse Notunterkunft für Geflüchtete aus der Ukraine eingerichtet hat. Das Spielfeld, worüber sonst Spitzenhandballer rennen, ist mit Feldbetten und schützenden Holzkojen belegt. Und der Fechtkeller im Untergeschoss ist nun zugleich ein Wäscheraum und ein Warenlager. Über 200 Geflüchtete finden in der Saalsporthalle am südlichen Stadtrand eine vorübergehende Unterkunft. Ein paar Kinder schlagen im Foyer den kleinen weissen Ball über den grünen Tisch. Gleich daneben sind Angehörige der Zivilschutzorganisation Zürich (ZSO ZUER) an der Arbeit. Ausser kurzer Besprechungen und dem Nachführen von Registrierdaten gibt es an diesem frühen Nachmittag für einmal wenig zu tun.

Die zweitgrösste Sportanlage von Zürich ist seit Mitte März eine Erstankunftsstelle für Geflüchtete, die sonst nirgends unterkommen. Es sind vor allem Frauen mit Kindern, aber auch Männer suchen hier eine Unterkunft. «Sie bleiben in der Regel ein bis wenige Tage», erklärt Beni Ullmann, Oberleutnant und ZSO-ZUER-Formationschef. Er selbst ist allerdings schon über Wochen vor Ort aktiv. Unter anderem teilt er die rund 15 Angehörigen des Zivilschutzes so ein, dass sich diese jeweils nach der Zwölfstundenschicht abwechseln. «Wir arbeiten teilweise unter Hochdruck; aber gut daran ist: Wir können Menschen helfen.»

Dutzende Geflüchtete stehen Schlange

Eine Rushhour erleben die Dienstleistenden in der Saalsporthalle vor allem am Abend: Wenige Stunden, nachdem die Züge aus Osteuropa jeweils im Zürcher Hauptbahnhof eintreffen, stehen manchmal Dutzende geflüchteter Familien und Einzelpersonen Schlange und warten auf einen Schlafplatz in der Notunterkunft. Mit Überraschungen ist dabei zu rechnen: «Bisweilen müssen wir mit dem Sicherheitsdienst klären, dass mit dem Auto angereiste Geflüchtete keine Parkbusse erhalten», so Ullmann. Und im äussersten Notfall hilft «Google translate, wenn chinesische Studenten auftauchen, die ebenfalls aus der Ukraine geflohen sind».

Im Alltagsbetrieb spricht sich die ZSO ZUER mit der Asylorganisation Zürich (AOZ) ab: Letztere ist mit eigenen, sprachgewandten Fachpersonen vor Ort, um die Geflüchteten professionell zu betreuen. Die ZS-Angehörigen kümmern sich derweil um den Empfang und ein korrektes Registrieren der ankommenden Personen. Tagsüber richten sie zudem freie Kojen und Betten wieder her. Zum Einsatz gehören aber auch «feinfühligere Dinge, wie einen freundlichen Umgang mit den Geflüchteten». Nach einigen Tagen kommt man gelegentlich miteinander ins Gespräch.

Freiwillig den Dienst verlängert

Für Ullmann hat der Milizeinsatz eine besonders menschliche Note: «Die ZS-Angehörigen sind selbst hoch motiviert und sehr engagiert.» Aber der Einsatz kann durchaus persönlich belasten. Dennoch war es kein Problem, genügend Leute zu finden; «wir unterstützen uns gegenseitig bei Bedarf». Ullmann selbst und auch andere ZS-Angehörige haben ihren Dienst in der Saalsporthalle freiwillig verlängert. «Wir spüren viel Goodwill und sind unseren Arbeitgebern dankbar, dass derart lange Absenzen anstandslos akzeptiert werden», so der Stadtzürcher ZS-Offizier.

Von Anfang an war Improvisationsgeschick gefragt. «Wir sind in der Schnelleinsatzgruppe (SEG) eingeteilt und haben deshalb gelernt, im kalten Wasser zu schwimmen», sagt Ullmann. Kaum verkündete die Stadtpolitik, eigene Notunterkünfte zur Verfügung zu stellen, kam der Zivilschutz zum Zug. Es begann mit dem leerstehenden Personalhaus beim Triemlispital, das in wenigen Tagen mit Feldbetten und Wolldecken auszurüsten war. Und sobald die Geflüchteten die ersten Zimmer bezogen, war deren Verpflegung zu organisieren.

Abläufe selbst entwickelt

«Wir haben jeden Tag dazugelernt, auf welche Details noch zu achten ist», so Ullmann. Diese Anfangserfahrungen und «gesunder Menschenverstand» haben geholfen, danach weitere Anlagen einzurichten und die Abläufe für einen reibungslosen Betrieb zu definieren. Bevor andere Organisationen hinzugezogen wurden, verwandelte die ZSO ZUER die Saalsporthalle in eine benutzerfreundliche Unterkunft. Den Schlafbereich richtete eine Messebaufirma nach den Plänen des Zivilschutzes ein. Die Privatsphäre und die Sicherheit der Geflüchteten erhielten dabei grosses Augenmerk. Und dass Kinder eine eigene Ecke zum Spielen mögen, ging ebenso wenig vergessen.
Der Einsatz wird noch einige Wochen dauern. «Wir sind inzwischen gut eingerichtet», sagt Beni Ullmann. Was aber nicht heisst, dass nicht noch weitere Dinge zu organisieren wären. Neuerdings kommen immer mehr Stadtzürcherinnen und -zürcher in die Saalsporthalle, um Kleider und andere Naturalien für die Geflüchteten zu spenden. Wie man diese Spenden vor Ort verteilen soll, werden der Zivilschutz und die Asylorganisation demnächst besprechen.



Paul Knüsel, freier Fachjournalist


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