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"Ein immenser Reichtum auf so kleinem Raum"

Rino Büchel hat einen kleinen aber feinen – und im Notfall eminent wichtigen – Bereich des Bevölkerungsschutzes in den letzten Jahrzehnten wesentlich mitgestaltet. Nicht zuletzt dank seiner Anstrengungen geniesst der Kulturgüterschutz (KGS) der Schweiz international hohes Ansehen. Die Kulturgüter in der Schweiz gehören zu den bestgeschützten weltweit. Ende Mai geht der Chef Kulturgüterschutz im Bundesamt für Bevölkerungsschutz in Pension. Im ersten Teil unseres Interviews blickt er zurück auf die Entwicklung des KGS in der Schweiz, und er betont, wie wichtig es ist, zum kulturellen Reichtum der Schweiz Sorge zu tragen.

17.05.2021 | Kommunikation BABS

Bilder: Rino Büchel beim Berner Münster – einem Kulturgüterschutzobjekt von nationaler Bedeutung (Foto: VBS DDPS, Nadine Strub)

Interview mit dem abtretenden Chef Kulturgüterschutz im BABS, Rino Büchel – Teil 1

Rino Büchel, Was ist Kulturgüterschutz, und warum ist er wichtig?

Die Coronapandemie zeigt es uns exemplarisch: Wir wollen nicht einfach nur essen und trinken, wir wollen uns austauschen, uns erfreuen. Historische Räume für Theater, Musik, Tanz – das sind ebenfalls Kulturgüter. Dazu gehören natürlich auch die entsprechenden Gebäude, Kostüme und Instrumente. Auch Archive, Museen, Zeugen für handwerkliches Können und Technik sind Kulturgüter: Im Kulturgüterschutz geht es darum, diese kulturellen Schätze vor einer Zerstörung durch Katastrophen, durch Gewalt, aber auch durch Unwissenheit oder Gleichgültigkeit zu schützen.

Der Kulturgüterschutz entstand international als Reaktion auf den Zweiten Weltkrieg. Die Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut in bewaffneten Konflikten von 1954 hatte 1966 ein entsprechendes Gesetz in der Schweiz zur Folge. Dieses etablierte präventive Regeln, wie Kulturgüter im Kriegsfall vor einer Zerstörung bewahrt werden sollten. In den neunziger Jahren entwickelte sich der Kulturgüterschutz weiter. Kulturgüter sollen nicht nur vor bewaffneten Konflikten, sondern auch vor Naturereignissen, Katastrophen technischer Art oder Bränden geschützt werden: Der Kulturgüterschutz bereitet Pläne vor, wie Kulturgüter im Brandfall evakuiert werden, oder er stellt Räume bereit, in denen Kulturgüter sicher aufbewahrt werden können. Der Kulturgüterschutz wirkt aber auch indirekt: Wenn Objekte, seien es ganze Gebäude oder Sammlungen, in ein Inventar als schützenswertes Kulturgut aufgenommen und dokumentiert werden, dann wächst auch die Sensibilisierung für solche Fragestellungen.

Das KGS-Inventar von 2009 gehört zu den grossen Errungenschaften im Kulturgüterschutz.

Für dieses Inventar entwickelten wir mit der ausserparlamentarischen Eidgenössischen Kommission für KGS (EKKGS) erstmals eine Matrix zur Bestimmung, welche Kulturgüter als Objekte von nationaler Bedeutung (A-Objekte) oder von regionaler Bedeutung (B-Objekte) gelten sollen. Natürlich ist das immer eine schwierige Frage, aber mit dieser Matrix konnten wir für alle in Frage kommenden Objekte systematisch die gleichen Kriterien anwenden. Ausserdem konnten wir eine gesamtschweizerische Perspektive einnehmen: Es kann zwar sein, dass ein Objekt für einen Kanton sehr wichtig ist, aber im Nachbarkanton ein ähnliches, jedoch besser erhaltenes und prächtigeres Objekt aus der selben Zeit und im selben Stil existiert und darum nur Zweiteres in die nationale Liste gehört. Vorher bestand das nationale Inventar mehrheitlich aus Objekten, die von den kantonalen Behörden gemeldet wurden. Ausserdem erweiterten wir das Inventar auch um Archive und erfassten die Koordinaten – heute sind alle über 3400 Objekte von nationaler Bedeutung auf der WebGIS-Plattform des Bundes aufzufinden. Die Vielfalt unterschiedlichster Kulturgüter auf so kleinem Raum ist speziell in der Schweiz.

In der Matrix und im Inventar stecken viel Expertenwissen, viel Herzblut und viel Arbeit, was uns auch thematisch und in der Zusammenarbeit weitergebracht hat: Die Kriterien in unserer Matrix entsprechen den Ansätzen der Denkmalpflege. Damit sprechen wir mit vielen Partnern die gleiche Sprache, was immer auch die gegenseitige Akzeptanz fördert.

Schloss Tarasp (KGS-Archiv, H. Schüpbach)

Neben den A- und B-Objekten (Objekte von nationaler bzw. regionaler Bedeutung) existieren im Kulturgüterschutz die C-Objekte von lokaler Bedeutung. Sie werden von einer Milizorganisation, den Kulturgüterschützern des Zivilschutzes, inventarisiert und dokumentiert.

Dieser dezentrale Milizansatz hat natürlich seine Herausforderungen, aber er setzt eben auch Kräfte frei. Wir haben zur Ausbildung der KGS-Formationen zusammen mit Spezialistinnen und Spezialisten Merkblätter erstellt, mit deren Hilfe sich Objekte, etwa Altäre, Brunnen oder Fahnen, mit einem standardisierten Vokabular beschreiben lassen. Das hilft den lokalen Formationen, die Kulturgüter in ihren Gemeinden in einer guten Qualität zu dokumentieren. Diese Objektblätter werden heute auch in denkmalpflegerischen Institutionen verwendet, weil sie rasch das Wichtigste zusammenfassen. Neben den Dokumentationen ist in den Gemeinden auch die Notfallplanung wichtig. In Zusammenarbeit mit der Feuerwehr wird dokumentiert, welche Objekte etwa in der Dorfkirche die wichtigsten sind, und wie sie rasch geborgen werden können.

Die Merkblätter sind eine wichtige Publikation, ebenso die Leitfäden für Dokumentationen und Notfallplanungen.

Publikationen sind wichtig für uns, auch für unser Renommee und dafür, dass man in den Partnerorganisationen unsere Arbeit und das Potential des Kulturgüterschutzes wahrnimmt. Seit 2000 geben wir jährlich zwei Zeitschriften "KGS Forum" heraus, mit jeweils einem thematischen Schwerpunkt und Fachleuten verschiedener Disziplinen, die zu Wort kommen. Mir ist wichtig, dass diese Publikationen auch noch in drei, vier Jahren interessant sind für Personen, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Immer wieder erhalten wir auch entsprechendes Feedback aus dem In- und Ausland.

Aber im Notfall gilt es doch vor allem, die Kulturgüter rasch zu bergen.

Natürlich, das ist ein wichtiger Schwerpunkt. Und nach der Bergung müssen die Kulturgüter sicher untergebracht werden. Beschädigte Kulturgüter müssen so behandelt werden, dass eine Restaurierung möglich ist. Diese Arbeiten machen die KGS-Formationen in den Kantonen, wir wirken dabei unterstützend und koordinierend. Im Kanton Zürich wurde das Konzept für eine Kulturgüter-Registrierungs- und Verpackungsstelle für einen Schadenplatz weiterentwickelt, etwa, wenn eine ganze Kunstsammlung aus einem beschädigten Gebäude evakuiert werden muss. Dieses Konzept haben wir als Vorlage für den KGS in der ganzen Schweiz zugänglich gemacht.

Bilder: Rino Büchel beim Berner Münster – einem Kulturgüterschutzobjekt von nationaler Bedeutung (Foto: VBS DDPS, Nadine Strub)

Wagen wir noch einen Blick nach vorne: Welche Herausforderungen stehen an?

Wir hoffen, der Bundesrat genehmigt 2021 ein aufdatiertes Inventar der Kulturgüter von nationaler Bedeutung. Darin wurde den archäologischen Stätten und Sammlungen ein höherer Stellenwert beigemessen. Gleichzeitig hat unser Matrix-Ansatz dafür gesorgt, dass die Zahl der Objekte nicht einfach unkontrolliert gestiegen ist. In den Bereichen Eisenbahnwesen, Kampf- und Führungsbauten haben wir festgestellt, dass uns teilweise noch Grundlagen fehlen, um die wirklich wertvollen Objekte zu bestimmen. Dafür haben wir Arbeiten eingeleitet.

Wichtig ist auch das Wissen um die kulturellen Schätze, die Sensibilisierung und der Respekt im Umgang mit Kulturgut. Nur wer Kultur kennt und schätzt, wird sich dafür einsetzen, sie zu bewahren und zu schützen.

Sie haben 23 Jahre lang den Kulturgüterschutz geleitet und zuvor weitere neun Jahre in diesem Bereich mitgearbeitet. Was haben Sie gelernt in Ihrem langen Berufsleben für den Schweizer Kulturgüterschutz?

Mir hat die doppelte Ausrichtung geholfen, einerseits die konzeptionellen Ebene andererseits die Praxis – so gab es immer wieder Ideen und Erfolge, auf die man im jeweils anderen Feld aufbauen konnte. Entscheidträger und Partner sind nach ersten kleinen Erfolgen eher bereit, einen auch grössere Projekte umsetzen zu lassen. Ich habe mich immer bemüht, mit talentierten und motivierten Leuten aus vielen Disziplinen zusammenzuarbeiten.
Und man muss hart sein wie Wasser: Als Kulturgüterschützer weiss man, dass dieses mit der Zeit auch den härtesten Stein umformt – diese Beharrlichkeit, andere zu überzeugen versuchen, hat mir geholfen, Dinge vorwärts zu treiben.

 

Im zweiten Teil des Interviews beleuchten wir die internationalen Tätigkeiten von Rino Büchel.

 

Interview: Christian Fuchs, Kommunikation BABS