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Man kennt den Zivilschutz jetzt besser, vertraut ihm und traut ihm etwas zu

War im ersten Zivilschutzeinsatz im Rahmen der Coronapandemie noch vieles neu, konnte im zweiten Engagement von November bis März auf die Erfahrung aus dem ersten Einsatz aufgebaut werden. Im Kanton Bern wurden Einsätze auf Stufe Kanton bewilligt und koordiniert, jedoch auf der Stufe der regionalen Zivilschutz-Kommandanten geführt. Stephan Zellmeyer, Abteilungsleiter Bevölkerungsschutz im Amt für Bevölkerungsschutz, Sport und Militär des Kantons Bern, und Martin von Gunten, Kommandant der Zivilschutzorganisation (ZSO) Niesen, tauschen ihre Erfahrungen aus.

26.04.2021 | Kommunikation BABS

Zur Bewältigung der zweiten Welle der Coronapandemie ordnete der Bundesrat ein erneutes nationales Zivilschutzaufgebot vom 18. November 2020 bis zum 31. März 2021 an. Die Kantone konnten damit ihren Bedürfnissen entsprechend Zivilschutzleistende zum Einsatz aufbieten, die Kosten wurden vom Bund übernommen. Im Kanton Bern wurde das Gros der Einsätze im Zusammenhang mit der zweiten Coronawelle zwischen Ende November 2020 und Ende Februar 2021 geleistet.

Major Martin von Gunten, Kommandant der Zivilschutzorganisation Niesen (Bild: ZSO Niesen)

Stephan Zellmeyer, Abteilungsleiter Bevölkerungsschutz im Amt für Bevölkerungsschutz, Sport und Militär des Kantons Bern (Bild: BSM Bern)

BABS: Wie lief der Einsatz in der zweiten Welle aus Ihrer Sicht ab?

Martin von Gunten: Die ZSO Niesen hatte drei Einsätze: Die Unterstützung im Altersheim in den Bereichen Betreuung und Logistik, die Unterstützung des Rettungsdienstes (hier ging es um die Desinfektion und Ausrüstung von Rettungsfahrzeugen zwischen den Einsätzen) und zuletzt die Ablösung der ZSO Jungfrau beim Dienst im Impfzentrum. Ich bereitete die Einsätze mit den Ansprechpersonen bei den Institutionen vor und sorgte für die Aufgebote.

Stephan Zellmeyer: Im Unterschied zur ersten Welle lag bei der zweiten Welle der Lead im Kanton Bern nicht beim Kantonalen Führungsorgan (KFO), sondern bei der Gesundheits-, Integrations- und Sozialdirektion (GSI). Meine Abteilung beurteilte die Gesuche und koordinierte die Zivilschutzeinsätze. Wir haben mit der Gesundheitsdirektion eine Bewilligungspraxis nach strikten Kriterien erarbeitet, um im ganzen Kanton dieselbe Praxis zu etablieren und dort zu helfen, wo es wirklich nötig war. Nach entsprechenden Rückmeldungen aus der ersten Welle haben wir auch versucht, den Informationsaustausch mit den 30 regionalen Zivilschutzorganisationen zu verbessern und besser zu erklären, was auf Stufe Kanton lief.

Wo konnten Sie auf die Erfahrungen aus dem Einsatz in der ersten Welle aufbauen?

M. von Gunten: Da wir viele Angehörige des Zivilschutzes (AdZS) wieder in denselben Positionen einsetzen konnten und die Ansprechpersonen in der Regel dieselben waren, konnten wir vom ersten Tag an effektiv eingesetzt werden. Beim Rettungsdienst wurden die Zivilschützer sofort in die Teams integriert – das zeigt auch das Vertrauen, das dort im Laufe des ersten Einsatzes aufgebaut wurde.

S. Zellmeyer: Die Erfahrungen aus der ersten Welle waren tatsächlich positiv – wir mussten darum strikt darauf schauen, dass der Zivilschutz wirklich nur da zum Einsatz kam, wo andere Möglichkeiten ausgeschöpft waren. Natürlich ist der Zivilschutz für die betroffenen Institutionen eine zuverlässige und kostengünstige Verstärkung – aber in der Vollkostenrechnung kostet natürlich auch der Zivilschutzeinsatz viel Geld, etwa über den Erwerbsersatz. Ausserdem fehlen die Leute in ihrem angestammten Job.

M. von Gunten: Auch der Personaleinsatz an der Front wurde möglichst sparsam abgewickelt. Wir haben AdZS in Kurzarbeit oder gar ohne Arbeit bevorzugt und wirklich nur die Leute aufgeboten, die wir brauchten, keine Reserven, die dann auf einen Einsatz warteten.

Weil die AdZS aus der Region stammen, brauchten wir auch kaum eine rückwärtige Logistik und keine organisierte Unterbringung. Damit konnte die Anzahl der benötigten AdZS tief gehalten werden.

Was waren die wichtigsten Unterschiede zum ersten Einsatz?

M. von Gunten: Die Information lief auf allen Stufen besser. Auch der Informationsfluss zwischen den Institutionen und den Angehörigen des Zivilschutzes war einfacher. Man kannte sich, man wusste auch mehr darüber, was einen erwartet, wie die Coronaeinsätze funktionieren und wie man sich schützt. Dadurch stieg die Motivation der AdZS im Einsatz.

S. Zellmeyer: Der Zivilschutz ist jetzt bekannter. Man traut uns etwas zu, vertraut uns. Die Institutionen hatten Zeit gehabt, sich vorzubereiten – entsprechend war unsere Bewilligungspraxis strenger. Dadurch wurden aber auch Praxisunterschiede in den Kantonen vermehrt zum Thema.

Wo hatte der Zivilschutz seine Stärken in diesem Einsatz?

S. Zellmeyer: Der Einsatz von kleinen Gruppen oder gar Einzelpersonen, die in die zu unterstützenden Organisationen integriert werden, hat sich sicher bewährt. Damit konnte der Zivilschutz viel bewirken und zwar genau dort und genau dann, wo es ihn wirklich brauchte. Wir spürten die Dankbarkeit der Verantwortlichen in Heimen oder bei den Spitälern, die wir entlasten und deren Weiterfunktionieren wir so garantieren konnten.

M. von Gunten: Für mich kommt die lokale Verwurzelung hinzu. Wir profitierten von den Kontakten zu den Verantwortlichen etwa im Rettungswesen, die wir bereits vor Corona im Rahmen von WKs und Übungen geknüpft hatten, wie zum Beispiel bei den gemeinsamen Einsätzen anlässlich der Weltcuprennen in Adelboden. Auch bei der Betreuung dementer Personen im Altersheim half es natürlich enorm, dass unsere Leute die Region kennen, denselben Dialekt sprechen. Das flösst Vertrauen ein in einer schwierigen Situation.

Was war die grösste Schwierigkeit oder Herausforderung?

M. von Gunten: Wir waren es vor Corona kaum gewohnt, dass ein Einsatz mehrere Regionen gleichzeitig betraf. Ausserdem war es neu, vom Kanton koordiniert eingesetzt zu werden. Jedoch hat es sich bewährt, dass der Kanton die Gesuche zentral bearbeitete, damit die Einsätze anordnete und wir uns dann um die Umsetzung kümmerten. Eine enge gegenseitige Absprache war aber zwingend nötig, damit das funktioniert.

S. Zellmeyer: Auch für uns war die Art des Zivilschutz-Einsatzes neu und gewöhnungsbedürftig. Wir haben im Kanton Bern relativ viel Erfahrung mit Zivilschutzeinsätzen bei regionalen Ereignissen, aber wenig bei einem gesamtkantonalen oder besser gesagt schweiz- bzw. weltweiten Ereignis. Hier die richtige Aufgabenteilung zwischen dem Kanton und den Regionen zu finden, war nicht immer einfach. Zweitens mussten wir immer wieder erklären, wieso der Zivilschutz nicht einfach überall helfen konnte, wo eine Personallücke bestand, sondern vorwiegend im Gesundheitswesen – und auch dort relativ restriktiv – eingesetzt wurde. Dies nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass es diesbezüglich zwischen den Kantonen grosse Unterschiede gab.

Was haben Sie gelernt für künftige Einsätze?

M. Von Gunten: Planen, was planbar ist, aber Flexibilität nicht verlieren. In der Führung ist es wichtig, nahe bei den Leuten zu sein. So konnten wir die Aufgebote so ausgestalten, dass wir auch die Bedürfnisse der AdZS gut abdecken, ohne Abstriche beim Einsatz zu machen. Die geleisteten Wiederholungskurse (WK) und Einsätze zu Gunsten der Gemeinschaft (EzG) waren im Nachhinein betrachtet ein gutes "Trainingsgerät", um diese Einsätze planen, aufbieten und leisten zu können.

S. Zellmeyer: Der Zivilschutz musste in diesem Einsatz Aufgaben übernehmen, die sehr notwendig waren, aber keine grosse Vorqualifikation oder Ausrüstung erforderten. Wir müssen aufpassen, dass wir das Richtige lernen und unsere Weiterentwicklung nicht zu stark auf dieses Beispiel abstützen. Es braucht darum die von Martin angesprochene Flexibilität, aber wir müssen auch schauen, dass wir das Leistungsprofil des Zivilschutzes schärfen können. Der Zivilschutz soll nicht nur mit «helping hands» personelle Lücken füllen, sondern er soll vermehrt Leistungen erbringen, die sonst kein Partner im Bevölkerungsschutz anbieten kann. Nur so sind wir auch für andere Szenarien gerüstet, in denen vom Zivilschutz mehr erwartet wird als «nur» personelle Unterstützung.

Danke für das Gespräch.

 

Interview: Christian Fuchs, Kommunikation BABS